Die Lüge der digitalen Bildung

Buchbesprechung zu Lembke/Leipner: Die Lüge der digitelen Bildung, 2015

Wer heute im Mainstream der öffentlichen Diskussion zu Bildungsfragen mitschwimmen will, sollte das Hohelied des Digitalen singen. Digital ist gut, digital ist besser (so ein Buchtitel von zwei Berliner Brüdern aus dem Pop-Musik-Management, von denen einer sogar Kulturstaatssekretär der Stadt Berlin geworden ist, wozu Claus Peymann im ZEIT-Interview allerdings nur einfällt, es sei „einer dieser Lebenszwerge, die jetzt überall die Verantwortung haben“, ohne von der Sache etwas zu verstehen und mit dem „ein Gespräch gar nicht möglich [sei]. Man sitzt einem leeren, netten weißen Hemd gegenüber.“; ZEIT vom 12. April 2015).

Ähnliches gilt für die Befürworter der „digitalen Bildung“ oder des „digitalen Lernens“, zwei von vielen Hohlphrasen. Aber digital ist besser, für alles und in allen Lebenslagen. Kinder zum Beispiel können gar nicht früh genug an digitale Geräte herangeführt werden, Schülerinnen und Schüler sollten – spätestens, aller-aller-spätestens –  in der Grundschule an Laptops und mit Tablets arbeiten, weil sie nur so modern und motiviert lernen würden und für die Anforderungen des Arbeitsmarktes und des lebenslangen Lernens gewappnet seien. Ohne Tablets und Netz keine Zukunft. Oder?

In diesem ganzen Digitalhype gibt es erfreulicherweise zunehmend Stimmen, die die interessengesteuerte Ausstattung der Schulen mit Digitalequipment hinterfragen. (Eine Erstausstattung aller Schulen mit Tablets und Whhiteborads würde über 8 Milliarden Euro kosten, die Geräte müssten alle zwei bis drei Jahre ersetzt werden, im Ergebnis könnte die IT-Industrie jährlich ca. 3 Milliarden Euro alleine an Hardware in Schulen umsetzen, zu Lasten von Lehrpersonal und persönlicher Betreuung.)  Stattdessen fragen die Autoren Lembke und Leipner nach dem sinnvollen Einsatz von Digitaltechnik in Schulen. Sinnvoll heißt: Sind diese Geräte und Anwendungen entwicklungspsychologisch und / oder lernpsychologisch angemessen? Welche Lernmuster entstehen bei der Arbeit am Display und mit dem Netz, was fällt dafür weg? Ist die Zurichtung am und auf den Bildschirm überhaupt Aufgabe von Schulen oder sollten Bildungseinrichtungen nicht eher eine Alternative zur vollständigen Digitalisierung aller Lebensbereiche bieten? Denn außerhalb der (Hoch-)Schulen sind digitale Geräte allgegenwärtig präsent. Selbst nach der ICILS-Studie loggen sich mehr als 90% der über 12-Jährigen täglich ins Internet ein, 40% länger als eine Stunde ( Dass Jugendliche dabei nicht nur für ihre Hausaufgaben recherchieren und das Ablenkungspotential im Netz hoch ist, dürfte niemanden überraschen.)

Statt also dem Digital-Hype hintergerzuhecheln und die Interessen der IT-Industrie zu übernehmen, fragen die Autoren vom Entwicklungsstand der Kinder und Jugendlichen aus – und kommen zu anderen Ergebnissen als die IT-Industrie. Erstaunlich ist das nur für diejenigen, die weder die Mechanismen der Konsumindustrie (Horkheimer/Adorno) noch der Befürworter der „Unterrichtsmaschinen“ (Claus Pias) und Kybernetiker kennen. Dass dabei kein „digital bashing“ herauskommt, verdankt sich den beruflichen Qualifikationen der Autoren. Gerald Lembke ist Professor und Studiengangleiter für Digitale Medien an der DHBW Mannheim und Präsident des Bundesverbandes für Medien und Marketing e.V. Ingo Leipner ist als Volkswirt und Wirtschaftsjournalist ebenfalls Hochschuldozent. Möglicherweise ist es sogar die eigene Berufspraxis, bei der digitale Medien und Geräte selbstverständlich eingesetzt werden, die einen kritischen Blick auf Hard- und Software in der Schule und insbesondere in der Grundschule begünstigen? Wer z.B. selbst im Netz recherchiert, weiß, dass Pubertierende von ernsthaften Recherchen im Netz schnell überfordert sind. Eine kritische Quellenanalyse von Internetquellen gelingt selbst Erwachsenen nur mit erheblichem Aufwand. Für das wissenschaftliche Arbeiten ist Google als Suchmaschine per se ungeeignet, weil nicht klar ist, nach welchen Kriterien die angezeigten Ergebisse selektiert und sortiert wurden usw.

Digitaltechniken und World Wide Web, heißt das, sind Werkzeuge, mit denen man qualifiziert und sehr komfortabel arbeiten kann, wenn man das notwendige Fachwissen, die persönliche Reife und das notwendige, kritische Refleketionsvermögen beim Umgang mit Medien und deren Inhalten gelernt und verinnerlicht hat. Das Web ist als Lehr- udn Lernmedium ungeeignet, solange diese Voraussetzungen nicht gegeben sind und/oder man nicht äußerst diszipliniert damit arbeitet. Als Ergebnis wird man nach der Lektüre dieses Buchs den Einsatz von digitalen Geräten und Netzdiensten zum einen frühestens in der Sekundarstufe 1 einführen (die Autoren empfehlen: ab dem 12. Lebensjahr), wobei die eigenständige Recherche frühestens in der Oberstufe möglich ist (und sofern es Lehrerinnen und Lehrer gibt, die diese qualifizierte Recherche vermitteln können). Zum anderen muss die Auseinandersetzung mit Diensten und Techniken des Web auch technisch stärker thematisiert werden. Schulen und Hochschulen sind schließlich nicht die Orte, um aus jungen Menschen willfährige Konsumenten der Digitalindustrie zu machen, sondern kritische Bürger und Demokraten. Dazu gehört auch ein qualifizierter Informatikunterricht ab der Mittelstufe, der Digitaltechniken und Geräte als Werkzeuge vermittelt und einzusetzen erlaubt, indem er hinter die bunten Oberflächen des Wischens und Tippens schaut. Andernfalls bleiben Schülerinnen und Schüle, bleiben auch Studierende „Prosumer“ (dt. Prosumenten), wie es Alvin Toffler bereits 1980 in seinem Buch „Third Wave“ beschrieben hat: sich selbst optimierende Konsumenten.  Denn die größte „Lüge der digitalen Bildung“ ist das Bildungsversprechen, wo es doch letztlich nur um die Zurichtung von jungen Menschen zu „Konsumäffchen“ (Eva Heller) am Display und Touchscreen geht.

Das Buch

Gerald Lembke, Ingo Leipner: Die Lüge der digitalen Bildung. Warum unsere Kinder das Lernen verlernen, München: Redline, 2015

Interview

Raus mit den Computern„, Interview mit Prof. Lembke in der Süddeutschen Zeitung vom 23.03.2015