Gelenkte Gefühle: Die Rhetorik von Gewaltbildern

von Jochen Krautz, in: Ethik und Unterricht: “Zuschauergefühle“ (2008)

1 „Bilder sind schnelle Schüsse ins Gehirn“

Zuschauergefühle spielen in der Lebensrealität heutiger Kinder und Jugendlicher in besonderem Maße bei der Rezeption von Medienbildern eine Rolle. Ob TV, Video, Internet oder Computerspiel: Bilder der verschiedenen Medien lösen mit meist genau kalkulierten bildrhetorischen Mitteln starke Gefühlsregungen aus. Dabei ist es relativ gleichgültig, ob diese Bilder eine Realität repräsentieren oder vollständig virtuell generiert sind.

Medienbilder sind selbstverständlich auf bestimmte emotionale Wirkungen angelegt, „denn bekannter- und erwiesenermaßen wird mit Bildern etwas in uns bewirkt, und entsprechend prägen Bilder (oft in unmittelbarer und affektiver Weise) unsere Überzeugungen.“1 Die Werbepsychologie hat in empirischen Untersuchungen genau erforscht, wie Bildkommunikation die vernuftgesteuerte Verarbeitung von Informationen umgehen kann, denn „Bilder sind schnelle Schüsse ins Gehirn.“2
Begründet ist der starke Einfluss von Bildern dadurch, dass

  • „ Einstellungen, die mit inneren Bildern verknüpft sind, gedanklich besonders schnell verfügbar sind und deswegen stärker auf das Verhalten durchschlagen;
  •  die emotionale Gehalt von Gedächtnisbilder für besonders wirksame Einstellungen sorgt;
  • die Anschaulichkeit der inneren Bilder spontane Entscheidungen und Verhaltensweisen unterstützt.”

Diese unterschwellige verhaltenswirksame Wirkung von Bildern wird dabei als „emotionale Konditionierung“ bezeichnet. Dass die emotionale Beeinflussung von besonderer Bedeutung für das Überzeugen ist, wusste schon die antike Rhetorik mit ihrer Theorie und Praxis der Affektübertragung. Besonders am Redeschluss wurde das pathos, die heftige Gefühlsbewegung erregt, indem ein affektiver Gehalt möglichst plastisch vor Augen geführt wurde: „Leidenschaften werden erregt durch die Darstellung von Leidenschaften, durch die Vorführung von Indizien oder bildlichen Zeugnissen.“ Die Affektübertragung ist also an eine quasi bildhafte Vorführung gebunden und erzeugt beim Zuhörer durch dessen Empathie innere Bilder, die emotional wirken. Dem Pathos kann man dabei, „wenn es reißend dahinströmt, (…) auf keine Weise widerstehen.“ (Cicero, Orator, 128)

Die Psychagogie der Medienbilder, die Kinder und Jugendliche heute konsumieren, ist vor allem vom Pathos der Gewalt geprägt, welches bewirkt, dass der Zuschauer „so erschüttert wird, dass er sich mehr durch einen Drang des Gemüts und durch Leidenschaft als durch Urteil und Überlegung leiten lässt.“ (Cicero, de Oratore, II,178) Bildliche Affektkommunikation zielt also unter Ausschaltung des Verstandes unmittelbar auf Gefühle des Zuschauers. Die reflexive Verarbeitung des Gesehenen wird mindestens verzögert, wenn nicht ganz zurückgedrängt, denn der emotionale Stress führt zu einer „drastischen Reduktion bewußt-gedanklicher Assoziationskompetenz (bis hin zum sog. ‚blackout’)“.

Diese Wirkung ist wiederum bei der Konfrontation mit Bildern von Gewalt und Schrecken am stärksten, „weil durch die Stresswirkung Aufmerksamkeit erzwungen wird.“ Gefühle von Angst und Schrecken lösen beim Zuschauer einen psycho-physischen Stresszustand aus, versetzen evolutionär alte Schichten neuronaler Reizverarbeitung in Alarmzustand.8 Auf diese gezielt erzeugte emotionale Erregung können dann Botschaften aufgesetzt werden – ein klassisches Vorgehen manipulativer Bildkommunikation.

Der ganze Beitrag als PDF: Krautz: Gelenkte Gefühle