Digitale Medien in der Schule – nur mit klaren Regeln

Gastbeitrag für den Deutschen Bankenverband (Pro und Kontra Digitale Medien in der Schule, Oktober 2018)

Wenn man Forderungen aus den Arbeitgeber-, IT- und Wirtschaftsverbänden, oder gleichlautende Verlautbarungen aus dem Wissenschafts- und den Kultusministerien verfolgt, scheint es für Bildungseinrichtungen nur noch ein Ziel zu geben: Volldigitalisierung. Idealiter als Frühdigitalisierung. Programmieren schon im Kindergarten. Einmaleins und ABC nur noch mit PC (BMBF 2016). Das aber lebenslang (life long learning). Prenatal bis postmortal: Alles digital.

Dabei wird selten nach Lebensalter oder Schulformen unterschieden oder nach Fachinhalten bzw. (Aus-) Bildungszielen differenziert. Es wird nicht einmal gefragt, ob und ggf. welche Lehr- und Lernprozesse sich überhaupt digital abbilden lassen. Die „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ der Bundesregierung ist stattdessen bereits verbal militärisch-hierarchisch formuliert. Dabei haben Fünfjahrespläne und Zwangsdigitalisierung des “nur noch mit PC“ den Charme von Margot Honecker als Ministerin für Volksbildung der DDR. China macht es zwar vor. Roboter als Erzieher für Kindergartenkinder. Aber ist das eine Option?

Déjà-vu der Technikversprechen

Argumente pro Digitaltechnik sind dabei seit 1984 (Einführung von PC an Schulen) identisch. Alle Schulen bräuchten Computer, müssten ins Netz für „modernen, innovativen Unterricht“, Deutschland würde sonst abgehängt usw. Déjà-vu. Die Geschichte der Unterrichtsmaschinen und Automatisierungsversuche der Lehre hat Claus Pias aufgezeigt. Dort steht in Kurzform bereits das eigentliche Ziel: „Wie bekommt man mit möglichst wenig Ressourcen möglichst viel Stoff möglichst schnell in die Köpfe?“ Ausgeblendet wird, dass nach mehr als 40 Jahren Erfahrung mit Computern in Schulen ein Mehrwert der Digitaltechnik nicht belegt werden kann, im Gegenteil. Das zeigen alle relevanten Studien von PISA bis zur OECD-Studie – und bei genauer Lektüre sogar Studien, die zunächst  das Gegenteil behaupten.

Die Alternative kulminiert in wenigen konkreten Fragen. Was soll am Rechner denn genau gelernt werden? Erreichen Schüler/innen Lernziele besser mit Rechnern oder mit Buch und Skript? Oder: Wozu müssen Rechner im Netz sein? Welche Daten entstehen dabei, was passiert damit? Wer sichert Daten minderjähriger Schutzbefohlenen (das sind Schüler/innen juristisch) bei Online-Anwendungen? Daten sind die „Währung des 21. Jahrhunderts. Die EU-Datenschutzgrundverordnung ist der rechtliche Rahmen zum Datenschutz. Und die Praxis?

Lernen ist ein individueller und sozialer Akt, kein technischer

Vor allem aber: Lernen lässt sich nicht automatisieren, wenn Verstehen gemeint ist und nicht nur Reproduktion wie beim Bulimie-Lernen. Mit Internet, Web und App werden keine Lehrmittel bereit gestellt wie in einer Bibliothek, sondern es wird eine technische Infrastruktur mit permanentem Rückkanal aufgebaut, die schon heute ersichtlich vor allem der Vermessung, Kontrolle und Steuerung von Menschen dient. Ziel sind Nutzerprofile. Die – auch psychometrische – Vermessung des Einzelnen ist die Basis automatisierter Beschulungs- und Prüfsoftware. Vordergründig wird mit einer besseren Ausstattung der Schulen argumentiert. Die „hidden agenda“ sind Automatisierung und Standardisierung, Kommerzialisierung und Privatisierung der Bildungseinrichtungen nach angelsächsischem Vorbild der Global Education Industries (GEI). Das gilt für Fünfjährige (Fritz Breithaupts „Talking Method“) ebenso wie für Erwachsene (HPI-Schul- und Bildungscloud mit Bildungsbuddy). Learning Analytics ist der Fachbegriff dafür. Big Data is teaching you. 

Was tun?

Alternativen können hier nur angedeutet werden. Stichworte sind: Stärkung der föderalen und lokalen Strukturen statt Zentralisierung. Schulen gehen vom Netz und arbeiten offline mit Open Source-Programmen. Damit kann man alles lernen, von der Text- oder Bildbearbeitung über Videoschnitt bis zum Programmieren, ohne Daten ins Netz zu verlieren. Die Länder bauen in Rücksprache mit den Schulen Bildungsserver mit staatlich geprüftem Lehrmaterial auf, parallel zu analogen Schulbibliotheken. Lehrkräfte wie Schüler/innen greifen über verschlüsselte Verbindung auf diese – nichtkommerziellen – Angebote nach Bedarf zu, ohne dass Lern- oder Persönlichkeitsprofile generiert werden. Nach Artikel 106 Absatz III kann der Bund solche dezentralen und datensparsamen Konzepte ohne Änderung des Grundgesetzes (wie bei der Unterstützung des Bundes bei den Integrationskosten über pauschale Anteile am Umsatzsteueraufkommen) schon jetzt finanziell unterstützen. Die konkrete Mittelverteilung obliegt dann den Schulen vor Ort. Nur das ist sinnvoll. Dort weiß man, was fehlt und wo investiert werden muss.

Empfohlen seien zwei Bücher. Richard Münch: Der bildungsindustrielle Komplex (Beltz) und Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus (Campus). Wer sie gelesen hat, wird weder Schulen noch andere Sozialeinrichtungen „digitalisieren“ wollen. Dann erweisen sich auch Slogans wie „Digital first. Bedenken second.“ als Ausdruck politischer Verantwortungslosigkeit, sofern wir demokratische und humane Gesellschaften erhalten wollen. Eine der wichtigsten Aufgaben dabei ist, dass Kinder und Jugendliche zu selbständigen und selbstverantwortlichen Menschen werden. Das gelingt nicht, wenn man sie auf das Arbeiten am Display konditioniert und ihnen Maschinen sagen, was sie als nächstes tun sollen.