Schule ohne Lehrer?

Buchbesprechung zu Arne Ulbricht: Schule ohne Lehrer? (2015)

Wer die eigene Schulzeit schon eine Weile hinter sich hat, dürfte über das, was sich in den letzten Jahren im Klassenraum entwickelt hat, wundern. Das Zentrum sowohl der Aufmerksamkeit wie des Interesses der Jugendlichen scheint das Smartphone geworden zu sein, dessen Prototyp „iPhone“ Steve Jobs erst 2007 vorgestellt hat („just another little thing“).  Es scheint üblich, dass Schülerinnen und Schüler ihre privaten Geräte (trotz Handy- und Smartphone-Verbot im Unterricht) hervorholen, um private Nachrichten aus den (euphemistisch „sozial“ genannten) Netzwerken wie Facebook, WhatsApp oder Instagram zu checken. Digitaltechnik im Unterricht beschränkt sich darauf, aus dem Netz kopierte Referate am Whiteboard zu projizieren und unverstanden abzulesen, bevor in der nächsten Gruppenarbeit wieder die üblichen Verdächtigen die Aufgaben bearbeiten, während alle anderen erneut ihre Accounts checken. Cool sind die  Lehrerinnen und Lehrer, die selbst mit Tablet und dem Netz arbeiten, uncool alle, die Handys und Smartphones im Unterricht verbieten (wollen).

Was Ulbricht exemplarisch und sehr unterhaltsam anhand von fiktiven Figurenpaaren (Katie und Kai als Schüler-, Herr und Frau Schmidt als Lehrerpaar) beschreibt, mag in dieser starken Fixierung auf Digitalgeräte überspitzt sein, korrespondiert aber mit den Erfahrungen, die sowohl Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Eltern machen: Smartphone und Kommunikations-Apps entwickeln einen starken Sog oder sogar ein Suchtpotential, dem sich nur wenige Kinder und Jugendliche entziehen können (übrigens auch viele Erwachsene nicht; siehe te Wildt: Digital Junkies, 2015).

„Schüler ergoogeln sich während der Gruppenarbeit in Sekundenschnelle das Weltwissen und spielen anschließend Quizduell. Der verpönte Lehrervortrag ist durch den Schülervortrag in Form einer unverstandenen Hochglanz-Powerpoint-Präsentation abgelöst; die Benotung erfolgt mithilfe einer Lehrersoftware, die vom Tablet abgelesen wird. Die Lehrkraft als pädagogisch agierende Person verschwindet vollkommen von der Bildfläche.“

Wäre das schon „der Weisheit letzter Schluss“, könnten jetzt die Bedienungsanleitungen für Whiteboards, Laptops, iPads und Stichworte zu Pädagogik 3.0 (Burow) oder Khan-Akademie kommen (so lauten Ulbrichts Zwischentitel, wenn auch mit erfreulich konträrer Intention). Für Digitalisten würden Lehrerinnen und Lehrer zu „Lernbegleiter/innen“, die mit dem Lernen so viel zu tun haben wie die Zugbegleiter/innen mit dem Fahren und Führen eines Zuges. Ulbricht aber ist Lehrer aus Überzeugung und das bedeutet, dass er im letzten Teil an alle Beteiligten (Bildungspolitiker/innen, Schulleiter/innen, Schüler/innen) appelliert, ihr Tun zu reflektieren und sich auf Schule als Ort der Begegnung, der Reflektion und des Diskurses zu besinnen. Damit gehört Ulbricht vielleicht selbst zu Ionescos letzten Menschen, die sich gegen die Überzahl der „Nashörner“ (so das referierte Theaterstück in Kapitel V) wehren, aber – um ein Sprichwort umzukehren: Der Mensch ist des Menschen Lehrer, kein Display oder Touchscreens, wobei Lehrende selbstredend auch andere Menschen (Eltern, Geschwister, Trainer, Mentoren usw.) sein können, nie aber Maschinen.

Arne Ulbricht: Schule ohne Lehrer? Zurück in die Zukunft, Vandenhoeck & Ruprecht, 2015

Weitere Infos: www.arneulbricht.de / ; Ulbricht bei Vandenhoeck & Ruprecht